Auf der Suche nach der balkanischen Stille: Warum ausgerechnet Prespa
Die Idee, nach Nordmazedonien zu reisen, entstand spontan, als meine Frau und ich merkten, dass wir von den typischen Badeorten mit ihrem endlosen Lärm und den überfüllten Stränden erschöpft waren. Wir sehnten uns nach etwas wirklich Abgelegenem, aber dennoch mit Wasser und einer besonderen Atmosphäre. Mazedonien wird oft nur mit Ohrid in Verbindung gebracht, doch beim Studium der Karten stieß ich auf den Prespasee. Er liegt ganz in der Nähe, fühlt sich aber wie eine völlig andere Welt an. Das Spannendste ist, dass sich dort die einzige echte Insel des Landes befindet – Golem Grad, auch Schlangeninsel genannt. Das war der ausschlaggebende Faktor.
Wir suchten weder laute Partys noch luxuriöse Hotelketten. Unser Ziel war das Format des „Slow Travel“, bei dem man Zeit hat zu bemerken, wie sich das Licht an den Bergabhängen verändert, und den Besitzer der örtlichen Bäckerei beim Namen kennt. Wir erwarteten Ruhe, sauberes Wasser und die Möglichkeit, Geschichte zu berühren, die nicht hinter Museumsvitrinen versteckt ist. Die Vorbereitung war minimal: ein paar gebuchte Gästehäuser, eine Liste lokaler Gerichte, die man probieren sollte, und Offline-Karten der Region. Die Stimmung vor dem Start war forschend – als ob wir die Tür zu einem geheimen Zimmer des Balkans öffnen wollten.
Mitten im Sommer wählten wir bewusst ein Ziel, an dem die Hitze dank der Höhe über dem Meeresspiegel und der Kühle der Gletscherseen leichter zu ertragen ist. Wir wollten prüfen, ob es das authentische Europa noch gibt, über das in alten Reiseführern geschrieben wird. Und um es vorwegzunehmen: Wir haben es gefunden. Unser Plan für 11 Tage umfasste nicht nur Erholung am Wasser, sondern auch Ausflüge in die Berge, die Erkundung alter byzantinischer Kirchen und natürlich ein ausführliches Kennenlernen der Insel Golem Grad.
Tag 1. Erste Begegnung mit Stepanje
Unsere Reise begann in dem kleinen Dorf Stepanje am Ufer des Prespasees. Wir entschieden, dass dies die ideale Basis für die erste Hälfte des Urlaubs sein würde. Wir bezogen ein gemütliches Gästehaus, das wir über ein lokales Forum gefunden hatten. Es ist ein Steinhaus mit Holzterrassen, die von Weinreben umrankt sind. Der Besitzer, ein älterer Mazedonier namens Nikola, begrüßte uns so, als wären wir entfernte Verwandte. Im Zimmer duftete es nach getrocknetem Lavendel und frisch gewaschener Wäsche. Die Fenster blickten direkt auf die Seeoberfläche, die im Licht der untergehenden Sonne wie geschmolzenes Silber wirkte.
Zuerst machten wir uns auf den Weg, das Dorfzentrum zu erkunden. Stepanje ist kein Touristenzentrum, sondern ein lebendiger Ort, an dem die Menschen Landwirtschaft und Fischerei betreiben. Das Mittagessen fand in einer winzigen Taverne am Kai statt. Wir bestellten Tavče Gravče – traditionelle Bohnen im Tontopf – und frisch gefangene Forelle aus dem See. Das Essen war einfach, aber der Geschmack so intensiv, dass wir wussten: Mit der Gastronomie wird es hier keine Probleme geben. Meine Frau bemerkte sofort die Qualität des lokalen Gemüses; die Tomaten riechen hier nach Sonne und nicht nach Plastik.
Nach dem Essen spazierten wir einfach am Ufer entlang. Der Prespasee ist erstaunlich flach an den Ufern, und das Wasser erwärmt sich sofort. Wir fanden einen wilden Strandabschnitt, an dem keine Menschenseele war. Das Wasser war vollkommen klar und der Boden sandig. Wir verbrachten dort ein paar Stunden, lauschten dem Rauschen des Wassers und beobachteten die Pelikane – von denen es hier eine enorme Anzahl gibt. Am Abend kehrten wir ins Gästehaus zurück, wo Nikola uns mit hausgemachtem Rakija bewirtete und erzählte, wie das Leben am See funktioniert. Wir schliefen beim Zirpen der Grillen ein und genossen die Stille, die in der Metropole so fehlt.
Tag 2. Expedition zur Insel Golem Grad
Das Hauptereignis des zweiten Tages war der Ausflug zur Insel Golem Grad. Wir hatten uns im Vorfeld mit einem lokalen Bootsführer verabredet, da es dorthin keine reguläre Verbindung gibt. Am Morgen legten wir mit Wasservorräten und Sandwiches im Boot ab. Die Fahrt über den See dauerte etwa 40 Minuten. Die Insel taucht plötzlich aus dem Wasser auf – hohe felsige Ufer, dicht bewaldet. Es ist ein einzigartiger Ort, an dem Ruinen antiker Siedlungen und Kirchen erhalten geblieben sind, und die einzigen Bewohner heute Vögel, Schildkröten und Schlangen sind.
Als wir an Land gingen, fühlten wir uns wie echte Entdecker. Es gibt kaum Pfade auf der Insel, man muss sich durch Wacholderbüsche kämpfen. Wir googelten die Geschichte der Insel direkt vor Ort (die Verbindung war überraschend gut). Es stellte sich heraus, dass Golem Grad schon in der Antike bewohnt war und im Mittelalter Mönche hier lebten. Wir fanden die Ruinen der Kirche St. Peter aus dem 14. Jahrhundert – die Wände sind bis zum Dach erhalten, und im Inneren sind noch Fragmente alter Fresken sichtbar. Das Zeitgefühl verschwindet dort völlig.
Auf der Insel gibt es tatsächlich viele Schlangen, hauptsächlich Wassernattern, aber sie sind absolut nicht aggressiv und weichen als Erste vom Pfad ab. Wir sahen Hunderte von Schildkröten, die sich auf den Steinen sonnten. Den ganzen Tag streiften wir über die Insel, erkundeten Überreste römischer Zisternen und beobachteten Kormorankolonien. Das Mittagessen machten wir auf einem Plateau, von dem aus man gleichzeitig drei Länder sehen konnte: Nordmazedonien, Griechenland und Albanien. Das war einer der stärksten Eindrücke – zu realisieren, dass Grenzen irgendwo dort im Wasser verlaufen, die Natur aber eins ist. Am Abend kehrten wir müde, aber beflügelt nach Stepanje zurück.
Tag 3. Stille Freuden und mazedonische Gastfreundschaft
Den dritten Tag beschlossen wir der völligen Entspannung zu widmen. Nach der aktiven Inseltour verlangten die Muskeln nach Ruhe. Wir wachten spät auf und frühstückten auf der Terrasse hausgemachten Joghurt mit Honig und Nüssen, den Nikolas Frau uns brachte. Wir entschieden uns gegen das Auto und spazierten einfach in das Nachbardorf Konjari. Der Weg führte durch Apfelhaine – die Prespa-Region ist berühmt für ihre Äpfel. Die Luft war erfüllt vom Duft reifender Früchte und Nadelbäumen.
In Konjari stießen wir auf eine kleine Keramikwerkstatt. Wir verbrachten dort etwa eine Stunde, beobachteten den Meister bei der Arbeit und wählten Souvenirs aus. Im Gegensatz zu den Souvenirläden in Ohrid war hier alles echt, etwas grob und sehr herzlich. Wir kauften ein paar Schüsseln für zu Hause, die uns nun an diesen sonnigen Morgen erinnern. Zu Mittag aßen wir in einer lokalen Genossenschaft, in der die Arbeiter selbst essen. Die Portionen waren riesig: ein gewaltiger Schopska-Salat und eine Pljeskavica (lokale Frikadelle) in der Größe eines Tellers.
Den Nachmittag verbrachten wir am Ufer. Ich las ein Buch, meine Frau zeichnete Skizzen in ihr Notizbuch. Das Wasser im See war an diesem Tag ungewöhnlich ruhig, wie ein Spiegel. Wir recherchierten viel über das Ökosystem von Prespa und lernten, dass der See unter dem Schutz der UNESCO steht. Am Abend kehrten wir nach Stepanje zurück und veranstalteten ein Picknick am Steg. Wir kauften im örtlichen Laden Käse, Brot und eine Flasche mazedonischen „Vranec“-Wein. Wir saßen bis tief in die Nacht am Kai und schauten in die Sterne, die in den Bergen unglaublich hell und nah wirken.
Tag 4. Reise in ein verlassenes Dorf
Am vierten Tag wollten wir etwas mehr Abenteuer und machten uns auf die Suche nach einem halb verlassenen Dorf in den Bergen über dem See. Man erzählte uns, dass dort alte Steinhäuser mit traditioneller Architektur erhalten seien, aber kaum noch ständige Bewohner dort lebten. Der Weg war unbefestigt und ziemlich steil, aber unser gemieteter Geländewagen schaffte es. Die Landschaften wechselten von Seepanoramen zu herben Bergabhängen, die mit Eichen und Buchen bewachsen waren.
Das Dorf empfing uns mit Stille. Viele Häuser standen mit eingestürzten Dächern da, aber das hatte seine eigene melancholische Schönheit. Wir streiften durch die engen, mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Gassen und stellten uns vor, wie hier vor hundert Jahren das Leben pulsierte. In einem der Häuser trafen wir einen alten Mann, der immer noch dort lebt. Er lud uns auf einen Kaffee ein. Wir verständigten sich mit einer Mischung aus Mazedonisch, Gesten und Lächeln. Er zeigte uns seinen Garten und bewirtete uns mit getrockneten Feigen. Solche Begegnungen sind das Wertvollste am Reisen.
Das Mittagessen fand direkt in den Bergen statt: Wir fanden eine Quelle mit eiskaltem Wasser und ließen uns auf einer Lichtung nieder. Wir aßen Vorräte aus Stepanje – Zelnik, eine lokale Pastete mit Kohl und Käse. Der Rückweg dauerte länger, da wir ständig anhielten, um die Aussicht zu fotografieren. Am Abend, zurück in der Zivilisation, spürten wir, wie kontrastreich das Leben hier ist. Wir übernachteten in unserem Gästehaus, und in dieser Nacht träumte ich von alten Steinmauern und dem Rascheln von Berggräsern.
Tag 5. Umzug nach Ohrid, aber nicht in die Stadt selbst
Es war Zeit, den Standort zu wechseln, aber wir beschlossen, unserer Regel treu zu bleiben und Menschenmassen zu meiden. Statt der Stadt Ohrid selbst buchten wir ein Apartment im kleinen Dorf Trpejca, das auch als „mazedonisches Saint-Tropez“ bezeichnet wird. Der Weg von Prespa nach Ohrid führt durch den Galičica-Nationalpark. Es ist eine atemberaubende Serpentine, von deren Gipfel aus man gleichzeitig zwei riesige Seen sehen kann. Wir hielten an einem Aussichtspunkt an, um Panoramafotos zu machen.
Trpejca erwies sich als charmanter Ort: Die Häuser fallen kaskadenartig zum Wasser ab, und der Strand besteht aus weißen Kieselsteinen, was dem Wasser einen leuchtend türkisfarbenen Ton verleiht. Unser Apartment lag in der ersten Reihe, buchstäblich zehn Schritte vom Wasser entfernt. Nach dem Einchecken gingen wir sofort schwimmen. Das Wasser in Ohrid ist kälter als in Prespa, aber erstaunlich frisch und klar. Wir suchten online nach einem guten Ort zum Abendessen und wählten ein Restaurant direkt am Strand, wo die Tische fast im Wasser stehen.
Der Abend verging mit der Verkostung von Pastrmka – der berühmten Ohrid-Forelle. Dies ist eine endemische Art, die hier auf eine besondere Weise zubereitet wird. Das Restaurant war voll von Einheimischen, was immer ein gutes Zeichen ist. Wir beobachteten, wie die Sonne hinter den Bergen am albanischen Ufer versinkt. Es fühlte sich an wie am Meer, aber ohne Salz auf der Haut und ohne unnötige Hektik. Trpejca eroberte uns sofort mit seiner Atmosphäre eines gemütlichen Fischerdorfes, das trotz seiner Beliebtheit seinen Charakter bewahrt hat.
Tag 6. Unterwassergeheimnisse und klösterliche Stille
Der Morgen des sechsten Tages begann mit einer Runde Schwimmen im kristallklaren Wasser. Der Ohridsee ist so tief, dass er bodenlos erscheint. Nach dem Frühstück fuhren wir in Richtung des Klosters Sveti Naum. Auf dem Weg hielten wir an der „Bucht der Knochen“ – einer Rekonstruktion einer prähistorischen Pfahlbausiedlung. Der Ort ist recht touristisch, aber sehr hochwertig gemacht. Wir betrachteten mit Interesse, wie die Menschen hier vor Tausenden von Jahren lebten. Meine Frau studierte lange die archäologischen Funde in dem kleinen Museum der Anlage.
Danach folgte das Kloster Sveti Naum. Es liegt fast direkt an der Grenze zu Albanien. Der Ort hat eine sehr starke energetische Ausstrahlung. Wir spazierten über das Gelände und beobachteten die Pfauen, die wichtig zwischen den Touristen umherstolzierten. Aber das Interessanteste war die Bootsfahrt zu den Quellen des Flusses Schwarzer Drin. Das Wasser sprudelt dort mit riesigen Blasen aus der Erde und bildet einen kleinen, eiskalten See mit einer unglaublichen Unterwasserflora. Es sah aus wie die Kulisse für einen Fantasyfilm.
Wir aßen in einem Restaurant an den Drin-Quellen zu Mittag. Wir wählten einen Platz abseits der großen Gruppen. Es gab traditionellen mazedonischen Salat und gebackenes Fleisch. Auf dem Rückweg nach Trpejca beschlossen wir, eine der Felsenkirchen zu besuchen, die in den Wäldern entlang der Straße versteckt sind. Wir fanden die Kirche der Heiligen Gottesmutter von Peštani. Um sie zu erreichen, mussten wir eine steile Treppe hinaufsteigen, aber die Fresken im Inneren des Felsens waren jeden Tropfen Schweiß wert. Den Abend verbrachten wir auf dem Balkon unseres Apartments, tauschten Eindrücke aus und planten die nächsten Tage.
Tag 7. Die Altstadt von Ohrid und die Suche nach Perlen
Am siebten Tag beschlossen wir dann doch, in die Stadt Ohrid selbst zu fahren. Wir kamen früh am Morgen an, um der Mittagshitze und dem Touristenansturm zuvorzukommen. Nachdem wir das Auto geparkt hatten, tauchten wir in das Labyrinth der engen Gassen der Altstadt ein. Die Architektur von Ohrid ist eine Mischung aus byzantinischem Stil und osmanischem Einfluss. Die weißen Häuser mit den dunklen Holzbalken sind sehr fotogen. Wir stiegen zur Festung des Zaren Samuel hinauf, von wo aus man einen Blick über die ganze Stadt und den See hat.
Anschließend stiegen wir zum Amphitheater hinab und besuchten die Kirche der Heiligen Sophia. Drinnen war es kühl und es roch nach Wachs. Wir betrachteten lange die alten Fresken, die in hervorragendem Zustand erhalten sind. Das Mittagessen nahmen wir in einem der Innenhöfe der Altstadt ein. Ich bestellte mazedonische Hauswürste, und meine Frau entschied sich für gebackenes Gemüse. Nach dem Essen machten wir uns auf die Suche nach den berühmten Ohrid-Perlen. Wir recherchierten, welche Familien diese nach einer geheimen Technologie herstellen, und besuchten die Werkstatt der Familie Filev. Man erzählte uns die Geschichte, wie die Perlen aus den Schuppen des Plašica-Fisches hergestellt werden.
Natürlich gingen wir nicht ohne Einkäufe – meine Frau suchte sich elegante Ohrringe aus. Den Rest des Tages verbrachten wir mit Spaziergängen an der Uferpromenade und Besuchen in Buchläden. Am Abend verwandelt sich die Stadt, Lichter werden entzündet, und die Atmosphäre wird sehr festlich. Wir tranken ein Glas Wein in einer Bar mit Blick auf die Kirche des Heiligen Johannes von Kaneo – dies ist wohl der bekannteste Ort in Ohrid. Wir kehrten erst spät nach Trpejca zurück, müde vom Stadtlärm, aber glücklich über das, was wir an mazedonischen Klassikern gesehen hatten.
Tag 8. Wandern auf den Pfaden der Galičica
Der achte Tag war dem Aktivurlaub gewidmet. Wir beschlossen, eine der Wanderrouten im Galičica-Nationalpark zu nehmen. Wir wählten einen Pfad mittleren Schwierigkeitsgrades, der unweit des Passes begann. Von früh an waren wir ausgerüstet: feste Schuhe, Sonnencreme und viel Wasser. Der Aufstieg war nicht einfach, die Sonne brannte unerbittlich, aber mit zunehmender Höhe wurde es frischer. Überall blühten Wildkräuter, und ihr Duft war buchstäblich berauschend.
Auf einer Höhe von etwa 1600 Metern eröffnete sich uns eine Aussicht, für die sich der Aufstieg gelohnt hatte. Auf der einen Seite das blaue Ohrid, auf der anderen das eher türkisfarbene Prespa. Wir machten Rast auf dem Gebirgskamm. Um uns herum war niemand, nur kreisende Adler hoch am Himmel. Wir suchten per Handy nach den Pflanzenarten, denen wir begegneten – viele von ihnen sind endemisch und wachsen nur hier. Es war eine vollkommene Einheit mit der Natur. In solchen Momenten versteht man, warum die Menschen diese Berge über Jahrhunderte als heilig betrachteten.
Der Abstieg dauerte weniger lange, aber die Beine schmerzten ordentlich. Zurück am Auto fuhren wir ins nächste Dorf für ein eiskaltes Bier und hausgemachten Käse. Das Mittagessen war an diesem Tag spät und sehr einfach. Den Abend verbrachten wir in Trpejca beim Schwimmen im See – das war der beste Weg, um nach der Wanderung wieder zu Kräften zu kommen. Das Wasser wusch die ganze Müdigkeit fort. Wir beschlossen, dass es für diese Reise keine weiteren Aufstiege mehr geben würde; die restlichen Tage wollten wir nur dem Wasser und dem Essen widmen. Wir schliefen bei offenen Fenstern und ließen die Bergluft ins Zimmer.
Tag 9. Kajakfahren und geheime Strände
Am neunten Tag mieteten wir ein Kajak. Dies ermöglichte uns, die Küstenabschnitte zu erkunden, die auf dem Landweg nicht erreichbar sind. Wir paddelten von Trpejca aus nach Süden. Entlang der Felsen des Ohridsees sind viele winzige Grotten und Höhlen versteckt. Wir fanden einen kleinen Kieselstrand, der zwischen zwei steilen Felsen eingeklemmt war. Dort war gerade genug Platz für ein Kajak. Wir verbrachten dort den halben Tag, schnorchelten mit Masken und beobachteten die Fische.
Das Wasser an solchen Orten wirkt absolut unwirklich – die Sichtweite erreicht bis zu 20 Meter. Wir recherchierten über die Unterwasserflora von Ohrid und erfuhren, dass hier Reliktarten von Schwämmen leben. Unser Mittagessen hatten wir dabei: Burek-Teigtaschen, die wir morgens in der Bäckerei gekauft hatten, und Obst. Die Stille wurde nur vom Plätschern des Wassers und den Schreien der Möwen unterbrochen. Dies war einer der romantischsten Tage unserer Reise. Wir fühlten uns wie die Herrscher über dieses kleine Stück Paradies.
Der Rückweg im Kajak gegen eine leichte Brise brachte uns zum Schwitzen, aber es war eine angenehme körperliche Betätigung. Am Abend beschlossen wir, uns ein Abschiedsessen in Trpejca zu gönnen, da wir für den nächsten Tag einen kleinen Ausflug in Richtung Grenze planten. Wir fanden ein kleines privates Café, in dem die Wirtin die Moussaka noch selbst zubereitete. Es schmeckte wie zu Hause. Wir saßen lange auf der Terrasse und sprachen darüber, wie schnell die Zeit vergangen war. In dieser Nacht schliefen wir besonders fest beim Geräusch der Brandung.
Tag 10. Zu Gast in Vevčani
Den vorletzten Tag widmeten wir einem Ausflug in das Dorf Vevčani, das nördlich von Ohrid liegt. Dieser Ort ist bekannt für seinen unabhängigen Geist (sie haben sogar ihre eigene „Republik“ und Pässe für Touristen) und seine unglaublichen Quellen. Das Dorf liegt am Hang des Jablanica-Gebirges. Das Erste, was auffällt, ist die Fülle an Wasser. Es fließt überall: in Kanälen entlang der Straßen, aus Wasserhähnen, in Wasserfällen. Die Quellen von Vevčani sind ein echter Naturpark mit Brücken und Pfaden.
Wir verbrachten ein paar Stunden damit, an den Bächen mit eiskaltem Wasser entlangzuspazieren. Die Energie des Ortes ist fantastisch. Das Dorf selbst ist sehr gepflegt, mit schönen alten Häusern und vielen Blumen. Wir aßen in einem Restaurant zu Mittag, das für seine traditionelle Küche berühmt ist. Wir probierten „Vevčanski Gjuveč“ – geschmortes Fleisch mit Gemüse im Tontopf. Nach dem Essen besuchten wir die örtliche Kirche des Heiligen Nikolaus, wo uns die Holzschnitzereien beeindruckten – mazedonische Meister waren schon immer für ihr Geschick im Umgang mit diesem Material bekannt.
Auf dem Rückweg hielten wir in Struga – der Stadt, in der der Fluss Schwarzer Drin aus dem Ohridsee fließt. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre: mehr Bewegung, viele Cafés entlang des Flusses. Wir spazierten einfach über die Brücken und beobachteten die Fischer. Den Abend verbrachten wir mit Packen, da sich unsere Reise dem Ende zuneigte. Wir versuchten, jedes Geräusch und jeden Geruch dieses Abends in Erinnerung zu behalten. Wir speisten auf unserem Balkon in Trpejca, tranken den restlichen Wein und schauten zu, wie die Lichter am gegenüberliegenden Seeufer erloschen.
Tag 11. Letzte Strahlen und Abschied vom See
Der letzte Tag begann früh. Wir wollten noch einmal in den Ohridsee eintauchen, solange das Wasser ruhig und kühl war. Die Sonne begann gerade hinter den Bergen aufzusteigen und färbte alles in zarte Rosatöne. Wir schwammen lange und versuchten, dieses Gefühl der Frische im Gedächtnis zu bewahren. Danach gab es ein letztes Frühstück: frisches Brot, hausgemachte Feigenmarmelade und starker mazedonischer Kaffee, der hier in der Mokka-Kanne gekocht wird.
Wir bedankten uns bei den Besitzern unseres Apartments – in diesen Tagen waren sie uns fast wie Verwandte ans Herz gewachsen. Wir gaben die Schlüssel ab und beschlossen, zum Abschluss bei einem kleinen Weingut auf dem Weg vorbeizuschauen, um ein paar Flaschen Wein als Souvenirs zu kaufen. Der Verkäufer erzählte uns lange von den Rebsorten und den Besonderheiten des lokalen Klimas. Wir kauften einen weißen „Žilavka“ – er eignet sich perfekt für heiße Sommerabende. Den restlichen Weg zum Flughafen fuhren wir schweigend, jeder in seine Gedanken vertieft.
Mazedonien verabschiedete uns mit sonnigem Wetter und grünen Landschaften. Wir spürten eine leichte Wehmut, aber gleichzeitig eine enorme Energie. Diese Reise war genau so, wie wir sie uns gewünscht hatten – ohne unnötiges Pathos, aber mit einem tiefen Eintauchen in Kultur und Natur. Wir übernachteten an verschiedenen Orten, aßen einfaches, aber ehrliches Essen und entdeckten Plätze, von denen wir zuvor noch nie gehört hatten. Es war ein würdiger Abschluss unseres 11-tägigen Marathons durch die Schönheiten des Balkans.
Balkanischer Nachgeschmack: Warum man hierher zurückkehren möchte
Wenn ich die Ergebnisse unserer Reise nach Nordmazedonien zusammenfasse, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass dieses Land viel mehr gibt, als es auf den ersten Blick verspricht. Es gibt hier nicht die Perfektion alpiner Resorts oder den Glanz der Côte d’Azur, aber es gibt etwas viel Wichtigeres – Aufrichtigkeit. Die Menschen hier sehen einen nicht als Einnahmequelle an, sie freuen sich wirklich über Gäste. Am meisten in Erinnerung geblieben ist uns die Stille des Prespasees und das Gefühl einer verlorenen Welt auf der Insel Golem Grad. Das war genau die Art von „Inselurlaub“, die wir gesucht hatten, aber in einem völlig unerwarteten See-Format.
Natürlich gab es auch Nuancen. Zum Beispiel erfordern die Straßen in den Bergregionen gute Fahrkenntnisse und starke Nerven. Und das Fehlen einer ausgeprägten touristischen Infrastruktur an manchen Orten könnte diejenigen abschrecken, die an All-Inclusive-Service gewöhnt sind. Aber für uns waren das eher Pluspunkte als Nachteile. Es erlaubte uns, das echte Leben des Landes zu sehen und nicht nur seine Fassade. Im Jahr 2026 bleibt Mazedonien immer noch einer der wenigen Orte in Europa, an denen man sich wie ein Entdecker fühlen kann.
Wir schmieden bereits Pläne für die Zukunft. Jetzt möchten wir im Herbst wiederkommen, wenn die Granatäpfel und Weintrauben reifen und sich die Berge golden färben. Nordmazedonien ist ein Ort, an den man nicht wegen der Sehenswürdigkeiten zurückkehrt, sondern wegen eines Seelenzustands. Wir nahmen nicht nur Perlen und Wein mit nach Hause, sondern auch die Ruhe, die diese alten Berge und tiefen Seen schenken. Wenn Sie einen Ort suchen, an dem die Zeit langsamer vergeht und das Essen wie in der Kindheit schmeckt – dann sollten Sie definitiv einen Blick auf die Ufer von Ohrid und Prespa werfen.